Wofür LEGO steht – Minifiguren auf der Leinwand

Architekt, Statiker, Ingenieur, Baumeister und Herr selbst erdachter Welten zu sein – mehr Wünsche braucht ein Kind beim Spielen trotz aller Freiheiten der Vorstellungskraft nicht erfüllt zu bekommen. LEGO eröffnet mit bunten Plastiksteinchen zum Zusammenstecken seiner (in den meisten Fällen) jungen Fangemeinschaft seit 1958 die Unendlichkeit konstruierbarer Fantasiewelten. Stein um Stein lassen sich Baupläne detailgenau zu kleinen mechanischen Kunstwerken umsetzen. Und zu erwachsen wird selten einer, um nicht von der Endlosigkeit der Möglichkeiten begeistert zu sein, die eigene Miniaturwelt der Wunschvorstellungen zu gestalten. Für das Kino griff „The LEGO Movie“ diese unergründliche Vielfalt der mit den Spielsteinen konstruierbaren Welten auf.

Mit „The LEGO Ninjago Movie“ erscheint heute, den 21. September, der dritte Streich des dänischen Spielzeugproduzenten, mit dem er den Kinofilm als Unterhaltungsform und Kommunikationskanal für seine Produkte in Anspruch nimmt. Eine Retrospektive auf die bisherigen Leinwandabenteuer der Plastik-Minifiguren soll zeigen, ob sich der Gang ins Kino lohnt.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Filmblog Filmverliebt und ist dort im regelmäßigen und aufschlussreichen Programm von Film- und Serienkritiken ebenfalls erschienen.

The LEGO Movie (2014)

Knapp 20 Jahre nachdem mit Toy Story die Ära der computererstellten Kinofilme begann, adaptiert der weltweit größte Spielzeughersteller das Erfolgskonzept dieser Unterhaltungsform und haucht seinen Plastikfiguren für die Kinoleinwand Leben ein. Und das nicht ohne wirtschaftliche Ausbeute: um eine halbe Milliarde Euro war der Umsatz der LEGO Group 2014, dem Jahr der Veröffentlichung von „The LEGO Movie“, im Gegensatz zum Vorjahr höher. Der Anstieg setzte sich 2015 um einen erneut knapp eine Milliarde Euro stärkeren Umsatz fort. Abgesehen von Marketingmaßnahmen und dem passenden Timing, mit welchem zum Kinostartzeitpunkt dem Film entsprechende Lizenzprodukte erschienen, musste das Werk von Phil Lord und Chris Miller auf inhaltlicher und inszenatorischer Ebene etwas leisten, was den Werbeaktionen und zeitlich adäquaten Spielzeugveröffentlichungen zum Verkaufserfolg verhalf. „The LEGO Movie“ musste die Herausforderung meistern, über seine Spielzeug-Charaktere eine Zuschauerbindung zu seinem jungen Publikum aufzubauen, die eine ehrliche Identifikation der Heranwachsenden mit den Hauptakteuren des Animationsfilms zulässt. Das psychologische Gelingen des Lebendig-Machens der Spielfiguren resultiert in der Bindung der Zielgruppe an die Spielzeugprodukte. Vorausgesetzt wird dafür die Qualität, filmisch eine liebenswerte Geschichte zu erzählen.

Die schätzenswerte Leichtigkeit in der Erzählung kommt dadurch zustande, dass sich der Film selbst nicht zu ernst nimmt. Die Story um den Helden des Geschehens Emmet beschreibt den Werdegang des über alle Maßen durchschnittlichen und gewöhnlichen Bauarbeiters mit der Bestimmung, der „Besondere“ zu sein. Als dieser soll Emmet mit Hilfe seiner Weggefährtin Wyldstyle, dem Mentor und Zauberer Vitruvius und vieler weiterer Meisterbauer aus allen Winkeln der Kinohelden-Landschaft das von ihm gefundene „Stück des Widerstands“ nutzen, um die bösartigen Pläne von Lord Business zu bremsen und ihn daran zu hindern, das Universum mit Hilfe des „Kragles“ (Instant-Kleber mit der Bezeichnung „Krazy Glue“) in Eintönigkeit erstarren zu lassen. Dabei parodiert die Handlung mit Selbstironie gespickt bekannte Filmgenres und ihre Konstellationen in Bezug auf Heldenepen, anstatt zu versuchen, eines dieser Genre für sich in Anspruch zu nehmen.

Liebesfilm-spezifische Inszenierungen und Dialoge werden auf überspitzte Art in die Handlung integriert, wenn Emmet während der Erläuterungen seiner Mitstreiterin Wyldstyle anstatt ihrer Worte nur die eigenen Gedanken zu ihrer überwältigenden Erscheinung aus ihrer Stimme heraushört. Ebenso auf die Spitze getrieben werden die für Fantasyfilme typischen Schlagabtausche in der Schüler-Meister-Struktur, die zwischen dem tollpatschigen Emmet und dem weisen Vitruvius auftreten und auch die ein wenig eifersüchtige Wyldstyle einschließen, welche selbst gern die „Besondere“ wäre. Ebenso aufgegriffen und übertrieben verbildlicht werden typische Inszenierungshandgriffe des Westerngenres; des Katastrophenfilms, als ein Schauplatz des Films – das „Wolkenkuckucksheim“ – vollends ausradiert wird; oder des Heist-Movies, als die Heldengruppe um den Protagonisten den finalen Einbruch in den Business Tower und Sitz von Antagonist Lord-Business vorbereitet. Witz und Charm der zusammengewürfelten Settings und Genre-Strukturen werden überdies auf der Dialogebene aufgegriffen, in der die Figuren sich bezüglich ihrer eigenen Aussagen zudem auf ironische Weise selbst kommentieren.

Analog zu den einbezogenen Filmgattungen ist die musikalische Untermalung, die mittels der mood technique in jeder Szene stimmungsgerecht eingesetzt wird, von der Genrevielfalt geprägt. Ebenso sind die Szenenbilder der unterschiedlichen Settings verschiedenartig: Die Steinstadt repräsentiert das strukturierte Alltagsleben und der Business Tower die düster-adrette Monotonie eines Systems bis ins Detail geregelter maschineller Abläufe. Währenddessen scheint das Wolkenkuckucksheim, das nur über einen Regenbogen zu erreichen ist und weder Unglück und Trauer noch sonstige negative Gefühle kennt, der Fantasie eines Vorschulmädchens oder eines Hippies auf Magic Mushrooms entsprungen zu sein. LEGO verbildlicht somit in den Frames seines eigenen Kinostreifens das Konzept, wofür es steht – bunte Vielfalt.

Die ausdrucksstarken Kameraperspektiven spiegeln in ihrer Übertriebenheit nicht nur die Parodiehaftigkeit des Films und die unendliche Variabilität der LEGO-Steine wieder. Sie bringen den Zuschauer zumal näher an die Spielzeugfiguren heran, als er es im Alltag gewohnt ist. Diese Tatsache macht die LEGO-Fangemeinschaft für die Kernaussage der Handlung und ihre Stärke empfänglich: „The LEGO Movie“ zeigt, dass jeder Durchschnittliche das Zeug zu einem Helden hat. Der Protagonist Emmet findet durch Zufall das Stück des Widerstands, was ihn laut Prophezeiung zu dem „Besonderen“ macht. Seine Qualifikation für diesen Titel muss er mit der Kreativität eines Meisterbauers unter Beweis stellen, der er bis dahin nicht gewesen ist. Er baute als Bauarbeiter in der Steinstadt stets nach Anleitung. Emmet lernt vom weisen Zauberer Vitruvius die Lektion, die das Spiel mit den bunten Steinen zum Zusammenstecken so reizvoll macht: „Die Anleitung muss in deiner Fantasie entstehen mein edler Knabe.“

The LEGO Batman Movie (2017)

Mit dem Nachfolger von „The LEGO Movie“ baut das ausführende Produktionsstudio Warner Bros. 2017 seine Strategie, Minifiguren aus Plastik eine eigene Story zu verpassen, aus. Mit dem Zug, einen Publikumsliebling zum Protagonisten zu machen, sichert sich die Filmgesellschaft zwar eine konkretisierte Fangemeinschaft für den Film, die außer den Baustein-Freaks und Begeisterten des LEGO-Movies auch die Verehrer von DCs Dunklem Ritter einschließt. Jedoch gibt das Werk von Chris McKay die Kernerkenntnis seines Vorgängers scheinbar auf. Die Hommage an die Welt der bunten Vielfalt, die die Spielwiese unbegrenzter Fantasie sein soll und über die Barrieren einer jeden Altersfestlegung hinaus auch den Verstand Erwachsener mit kindlichem Einfallsreichtum fluten kann, wird gegen die selbstreferenzielle Auseinandersetzung der Fledermaus mit ihrer eigenen Comicwelt und dem Wert einer Familie ausgetauscht. Der bekannte Scharfsinn von Selbstironie und Parodiehaftigkeit bleibt dabei allerdings erhalten.

Der Protagonist des Films LEGO-Batman wird in seinem Solo-Leinwandauftritt in eine allwissende Position versetzt, in der er scheinbar Kenntnis über die Beliebtheit seiner Comic-Persönlichkeit außerhalb der Grenzen seiner fiktionalen Welt von Gotham hat. Er lässt sich als Star feiern, wie er durch seine wahre Fangemeinschaft gefeiert wird und repräsentiert sich selbst, indem er auf überspitzte Weise die Charaktereigenschaften nach außen kehrt, mit denen er von seinen Verehrern hauptsächlich assoziiert wird. Im Zuge dessen wird unter anderem das Vertriebssystem der Merchandise-Artikel kommentiert, wenn der Superheld Shirts, Tassen und andere absonderliche Gebrauchsgegenstände in schwarzer Farbe, bedruckt mit seinem gelben Symbol verschenkt. Seinem fantastisch-gravitätisch bekannten Erscheinungsbild nicht genug, wird dem Dunklen Ritter ein Zusatz-Coolness-Faktor als „Heavy-Metal-Rap-Maschine“ verliehen.

Die Selbstreferenz ist in „The LEGO Batman Movie“ allgegenwärtig: Superman schmeißt eine Party anlässlich des 57-jährigen Jubiläums der Justice League. Batman leugnet zudem die stereotypische Antagonisten-Beziehung zwischen ihm und dem Joker, wofür Superheld und Superschurke gleichermaßen prominent sind. Der Butler Alfred erwähnt gegenüber dem typisch düster-defätistischen Batman all dessen bisherige Kino- und Fernsehauftritte, um sein desolates Charakterbild zu betonen (die Fernsehserie der 60er Jahre nimmt er davon aus, indem er sie als „ganz sonderbar“ bezeichnet). Bruce Waynes Schwelgen in Erinnerungen an seine Eltern wird dahingehend karikiert, als dass das gezeigte letzte gemeinsame Familien-Selfie kurz vor dem Ableben seiner Eltern an einer Straßenecke zu „Crime-Valley“ aufgenommen wurde. Mit der überspannten Vielzahl an Bat-Fahrzeugen (das Arsenal umfasst U-Boot, Space-Shuttle, Zeppelin, Kajak, Wüsten-Buggy…) wird nicht zuletzt das Ausrüstungs-Repertoire Batmans parodiert.

Die hyperbolische Darstellung der Herausforderung für LEGO-Batman, mit einer enormen Bandbreite an Minifiguren-Schurken fertig zu werden, verdeutlicht nicht nur als weiteres Beispiel die referenzielle Selbstkarikatur des Wächters von Gotham. Der geforderte Kampf gegen Lord Voldemort, Sauron, King Kong oder die Raptoren aus Jurassic Park stempelt zudem die Mission des Dunklen Ritters als selbstverständlich ab, den Bedrohungen Einhalt zu gebieten und schafft somit Platz für eine neue zentrale Konfliktfrage: Es wird die Aufgabe Batmans in den Fokus gerückt, eine Familie zuzulassen. Er wird mit den kritischen, weniger guten Seiten seiner selbst konfrontiert, die stets versuchen familiäre Bindungen von sich fernzuhalten, um seine Verletzbarkeit zu dezimieren.

Die Errungenschaft der mannigfaltigen Schurkenarmee inklusive Godzilla, der Gremlins oder der Agenten Jones, Smith und Brown aus Matrix ist jedoch auch in „The LEGO Batman Movie“ das Konzept der Vielgestaltigkeit von Spielzeugwelten aus LEGO-Steinen. Im LEGO-Universum können schließlich Figuren aller fiktionalen Welten aufeinandertreffen.

Fazit

Der Schritt eines Spielzeug-Konzerns, Kinoleinwände für die eigenen Fantasiewelten in Beschlag zu nehmen, lässt sich nicht als missglückt bezeichnen. Ein Mangel mag in den Geschichten der Minifiguren erkennbar sein: Über die Zeitspanne der 100-minütigen Spielzeit erscheint es, als würde „The LEGO Movie“ sich krampfhaft nicht ernst nehmen wollen – ein Kritikpunkt, der dem Film die abgezielte Frische seines Humors mindert. Aber auch ein Fehler, den „The LEGO Batman Movie“ mit dem ernsthaften Kernkonflikt seiner Hauptfigur und der Relevanzfrage einer Familie kein zweites Mal begeht. Der Erfolg der LEGO-Kinofilme zeigt sich darin, dass die zentrale Eigenart der Spielzeugwelten in die bewegten Bildfolgen integriert wurde. Vielfalt und Farbenreichtum sind im Universum der bunten Bausteine keine Grenzen gesetzt – ebenso wenig wie dem Alter der Spielzeugsteinfanatiker – und die Crux beim Zusammenstecken wird vom Zauberer Vitruvius treffend aufgelöst: „Wie werde ich ein Meisterbauer? Schritt 1: Vertraue Deinem Instinkt!“

Wir dürfen gespannt sein, ob der Charm dieser charaktertypischen Darstellungen der Minifiguren im kommenden „The LEGO Ninjago Movie“ erhalten bleibt. Die Neugierde auf den Film ist – bewiesen durch „The LEGO Movie“ und dem Solo-Leinwandauftritt von LEGO Batman – zweifellos berechtigt.

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