Happy Birthday, Thor! Was Chris Hemsworth vom Gott zum Helden macht (Nr.2)

Der 11. August: ein Tag, an dem nicht nur ein Superheld Geburtstag feiert, sondern auch ein Gott. Chris Hemsworth wird 34. Dieses Ereignis nehme ich mir zum Anlass, um in der Artikelreihe „Happy Birthday, Thor!“ vor das Objektiv zu holen, wie und warum der australische Schauspieler das Leitbild des Superhelden verkörpert. Wie ist ein Superheldenfilm aufgebaut und was ist sein Kernelement? Und wie können Szenenbild, Kamera und Schauspieler auf der einen Seite eine fantastische Götterwelt glaubhaft und auf der anderen Seite die Charakterkonstellation einer Geschichte authentisch machen?

Es folgen der zweite und dritte Teil, in denen ich diesen Fragen anhand von Marvels „Thor“ (2011) auf den Grund gehen will.

Teil 2

Wie Szenenbild und Kamera die fantastische Welt der Götter glaubhaft machen

Asgard ist die Residenz der altnordischen Götter. In Asgard sind Odin, der Allvater und König des Götterhortus; sein Sohn Thor, der Donnergott; sowie dessen Gefährten Loki, Volstagg, Hogun, Fandral und Sif zu Hause. Jotunheim ist die Eishölle, in der die Frostgiganten, die Widersacher der Götter und der von ihnen regierten Asen beheimatet sind. Der Thor-Film setzt die Welt der Götter, den Heimatort seines Protagonisten, in Kontrast zu der Welt der Eisriesen, den Ort der Herkunft des Antagonisten. Beide Welten werden in einem überspitzten Licht dessen gezeichnet, was sie innerhalb des Superheldenfilms charakterisieren. Die Frostgiganten stiegen aus ihrer Heimatwelt böswillig auf die Erde hinab, um sich die Menschheit dort mit einer Eiszeit Untertan zu machen. Sie gehorchen in ihrem Handeln den selbstsüchtigen Trieben und ihrem Verlangen nach Macht. Die Asen unter der Führung ihres Königs Odin sind diejenigen, die den Menschen im Glauben an das Gute zu Hilfe kommen. Sie schlagen die Eisriesen nach Jotunheim zurück und der Allvater Odin in der Rolle des Verfechters von Recht und Frieden nimmt dem König der Frostgiganten Laufey seine Macht. Er entscheidet, den Aufmüpfigen in ihrer Welt ein friedliches Dasein zu gewähren und die Kriegshandlungen zu beenden, anstatt die Eisriesen zu vernichten.

Das Szenenbild – die Verkörperung der Handlungsträger

Analog zu den Bestrebungen seiner Bewohner erscheint Asgard fantastisch und erhaben. Das Motiv der Asen, die Eisriesen im Kampf in die Flucht zu schlagen ist, Unrecht nicht zuzulassen. Sie verkörpern das Licht der Hoffnung in dunkelster Bedrohung und den Glanz guter Taten. Dieser Glanz spiegelt sich in der palastartigen Stadt und den majestätischen goldenen Bauten. Ebenso prägen die bunten Lichter des Alls den Himmel über Asgard. Das Erscheinungsbild der in Asgard wohnenden Götter ist märchenhaft, sie tragen übermächtige Rüstungen, Schwerter und Speere. Auch in den Farben der Rüstungen und Waffen ist der goldene Glanz ihrer Bestrebungen präsent. Asgard ist mit dem Bifröst, der Brücke zwischen den Welten das fundamentale Zentrum des Alls. Die Götterstadt verkörpert den Mittelpunkt aller Welten, die von dort aus beobachtet und überwacht werden. Abstrus erscheint auf der nüchtern wirkenden Menschenwelt die Erscheinung von Fandral, Hogun, Volstagg und Sif. Sie erleiden trotz der intensivsten Kampfhandlungen mit dem von Loki geschickten Destroyer nicht einen Kratzer. Sie sind eben Götter, die sich von den Schwächen des Menschseins abheben.

Die Gestaltung von Jotunheim resultiert ebenfalls aus den Charakterzügen seiner Bewohner. Sie bildet als eisige, graue und lichtarme Welt den Kontrapunkt zum hellen und bunten Asgard. Die Frostgiganten sind machthungrig, daraus gehen Gewaltbereitschaft und Kampfeslust hervor. Die Eisriesen repräsentieren das feindselige und boshafte Grauen, das mit der Kälte ihrer Heimatwelt in Verbindung steht. Die Kampfesgier der Eisriesen wird visuell durch ein Merkmal verdeutlicht, das innerhalb des Szenenbildes im Kontrast zu dem kühlen Blau der Eiswelt steht. Ihre Augen sind rot, gefüllt mit dem Feuer der Gewalt.

Im finalen Kampf Thors gegen Loki nimmt der Eingang zum Bifröst die graue Erscheinung von Jotunheim an, die von Asgard gewohnte Farbvielfalt und der goldene Glanz sind verschwunden. Das Szenenbild nimmt die Gefahr auf, die die Atmosphäre der Szene beherrscht. Die Farben dienen dazu, die bösartigen Absichten des Antagonisten Loki widerzuspiegeln, der der gleichen Selbstsucht wie sein Eisriesen-Vaters Laufey verfallen ist. Die Funktion des Szenenbildes im Thor-Film wird deutlich: es konnotiert die Charaktereigenschaften der Figuren, es konnotiert Gut und Böse und es greift visuell die Stimmung der Geschehnisse auf.

Die Kamera – das Auge des Betrachters im atmosphärischen Filmgeschehen

Die Eröffnungsszene des Thor-Films spielt sich auf der Erde ab, dem Ort, dem die Normalität der Menschenwelt innewohnt und der das Alltägliche durch einen – im Gegensatz zu Asgard und Jotunheim – nüchternen Anblick nach außen kehrt. Und dennoch besteht schon ab dem Moment, ab dem das erste Bild des Superhelden-Films über die Leinwand flimmert, eine Verbindung zu dem Außergewöhnlichen der Götterwelt, was den Ton des Werkes bestimmt. Verantwortlich dafür ist die Kameraarbeit, die uns Zuschauern eines klar deutlich macht: Die Wissenschaftler Jane, Erik und Darcy sind auf ihrer Jagd nach dem Ursprung rätselhafter Hinweise in Janes Forschungen keinen irdischen Begebenheiten auf der Spur. Schnelle Schnitte zwischen den Einstellungen vermitteln die Hektik des Geschehens, die Aufnahmen der Handkamera präsentieren sich im Einklang mit der bestehenden Aufregung in der Szene. Doch ein Element hebt sich dadurch von den bereits genannten ab, dass es die Bilderscheinung der folgenden zwei Stunden an Filmmaterial prägt: der Dutch Tilt oder auch die „schräge Perspektive“. Die Kamera wird schräg zum Horizont gehalten, wodurch das aufgezeichnete Bild schräg dargestellt wird. Der Handlungsraum wirkt unnatürlich und unbeständig, die Welt von Jane und ihren beiden Kollegen steht kurz davor, auf den Kopf gestellt zu werden. Verantwortlich dafür ist Thor, der Donnergott, der auf die Erde verbannt wird und bei seiner Ankunft auf das Forscherteam trifft. Der Dutch Angle dient im fortlaufenden Film immer wieder dazu, auffällige Situation vom gewöhnlichen Alltagsgeschehen der menschlichen Charaktere und auch des Protagonisten abzuheben.

Wir haben bereits erörtert, dass Odin der Allvater für uns als der rechtschaffende und recht entscheidende König von Asgard in Erscheinung tritt, noch bevor er das erste Mal auf der Leinwand zu sehen ist. Verantwortlich dafür ist seine Funktion des Erzählers, die er einnimmt, um dem Publikum die Vorgeschichte zu erläutern. Wenn er dann aber als Asgards König dargeboten wird, erschafft die Kamera Ehrfurcht vor seinem würdevollen Anblick. Die untersichtige Perspektive erhebt den Gottvater stets über uns Zuschauer, macht uns kleiner als ihn und zwingt uns, zu ihm aufzublicken.

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Die Untersicht der Kamera und die damit einhergehende Wirkung auf das Publikum wird ebenso auf Thors Hammer Mjolnir übertragen. Besonders dann, wenn sich Thor oder Loki in der Nähe seines Einschlagortes auf der Erde befinden und ihr Augenmerk auf ihn gerichtet haben. Beide trachten danach, sich das Machtinstrument des Donnergottes zu eigen zu machen, doch vorerst ist keiner von ihnen würdig, Thors Hammer anzuheben. Die Überlegenheit des Hammers über seinen Besitzer und Gebieter erfährt der Zuschauer aus der erhöhten Position der Waffe gegenüber der untersichtigen Kamera. Kreisfahrten um Thors Hammer herum platzieren ihn auf majestätische Weise im Mittelpunkt der Szenerie und verleihen ihm eine feste, beständige Ausstrahlung.

Die Dynamik der Kamerafahrten dient innerhalb der Szenarien in der außergewöhnlichen und übernatürlichen Götterwelt ebenfalls dazu, das Geschehen der Handlung in ein majestätisches Bild zu setzen. So wird die Auseinandersetzung zwischen Thor, seinen Gefährten und den Eisriesen auf Jotunheim durch schnelle Fahrtbewegungen der Kamera in ein pathetisches Bild gesetzt. Zudem weckt das Eindringen der Götter in die Welt der Frostgiganten Aggressionen in den Bewohnern Jotunheims. Ihre Streitlust wird geweckt, weshalb Spotlights – fleckenartige Beleuchtungen – das Rot der Augen des Eisriesen-Anführers Laufey akzentuieren.

Teil 3

Weshalb die Kombination interessanter Charaktere die Geschichte von Thor erzählenswert macht

Vielschichtige Charaktere, die in Konflikt mit sich selbst stehen; die durch Hürden und Hindernisse zur Weiterentwicklung ihrer selbst gezwungen werden; die Furcht und Selbstbezogenheit überwinden müssen sind es, die das Fundament einer Geschichte bilden. Ohne sie wirkt eine Story eindimensional und flach. Treffen aber mehrere Charaktere mit konträren Wesenszügen aufeinander, kann dies absurde Situationen hervorrufen und der Anstoß einer unterhaltsamen Geschichte sein, zu einer amüsanten und erzählenswerten Geschichte zu werden.

Die Begegnung von Menschen und Göttern bestimmt im Vorhinein, dass das Aufeinandertreffen einen sonderbaren Ausgang nehmen muss. Die Verhaltensarten sind durch divergente Denk- und Ausdrucksweisen geprägt. Deshalb wirkt Thor nach der Ankunft auf der Erde mit seinem Hochmut und selbstbezogenen Art komisch. Er spricht die Sprache der menschlichen Verhaltensmuster nicht. Chris Hemsworth verkörpert mit Thor einen narzisstischen und arroganten Macho, der scheinbar durch nichts und niemanden gedemütigt oder degradiert werden könnte. Das Gegenteil beweist der von Natalie Portman dargestellte Charakter von Jane. Sie ist tollpatschig und handelt schneller, als es ihre Achtsamkeit erlaubt, was Thor in Mitleidenschaft zieht. Er wird zweimal Opfer ihrer unaufmerksamen Fahrweise und vermehrt durch Sie in seiner Hybris in Frage gestellt, was ihn weniger erhaben und fehlbar wirken lässt. Die Kombination von Janes Tollpatschigkeit und Thors Einfältigkeit wirkt amüsant. Doch sie glaubt an Magie und sieht das als die Voraussetzung für das Gelingen von Wissenschaft an. Sie schafft daher eine Vertrauensbasis für Thor, der für andere nur verrückt und überheblich wirkt. Die komische Wirkung der Beziehung beider zueinander bildet das Fundament ihrer Liebe füreinander.

 

Chris Hemsworth hat im Werk „Thor“ des Marvel Cinematic Universe die anspruchsvolle Herausforderung auf sich genommen, nicht nur einen Helden, sondern auch einen Gott zu verkörpern. Die eigentliche Leistung dabei ist jedoch, dass er gezeigt hat, dass ein Gott kein Held sein muss. Er hat mit schauspielerischen Qualitäten die zwei Rollen und Entwicklungsstufen des altnordischen Gottes in nur einem Charakter dargestellt und ihn mit seinen Eigenarten in eine Figurenkonstellation eingefügt, die eine erzählenswerte Geschichte hervorbrachte. Chris Hemsworth hat sich als arroganter und selbstgerechter Thronerbe mit Führungsanspruch sowie als liebenswürdigen Helden mit Charakterstärke präsentiert. Dabei hat er geschafft den Marvel-gerechten Humor eines Superhelden-Epos nach außen zu strahlen. Happy Birthday, Thor!

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