Transformers und das Problem der Blockbuster mit Fortsetzungen

2007, 2009, 2011, 2014 … 2017. Die wenigen Jahre der Funkstille zwischen Cybertron und dem Planeten Erde sind ein weiteres Mal verstrichen. Sie kehren zurück aus den entferntesten Galaxien des Alls: Maschinenwesen, die seit tausenden von Jahren etwas mit einem kleinen blauen Planeten der Milchstraße verbindet. In der folgenden Auseinandersetzung mit den Auffälligkeiten des neuesten Roboter-Spektakels von Michael Bay gehe ich nicht auf die Entwicklung der Handlungsstränge seit Beginn der Transformers-Filmgeschichte ein. Die filmübergreifende Logik und der Zusammenhang zwischen den einzelnen Werken sind eine Qualität für sich, die ich bei der Wertung der erzählerischen Merkmale von „Transformers: The Last Knight“ als einzelnem Film nicht berücksichtigt habe. Dennoch gehe ich an einigen Stellen auf die Handlung des Films ein und beurteile einzelne Geschehnisse in ihrem Zusammenhang.

Transformers ist an dem Punkt angekommen, an dem es repräsentiert, wohin sich einst gute Ideen und Potenziale für eine Story hin entwickeln können, wenn sie einen großen Freiraum für Fortsetzungen der Geschichte bieten. Das, was der fünfte Teil der Transformers-Filmreihe versucht, ist nicht, unsere Aufmerksamkeit auf die Ausformung seiner Charaktere zu richten; uns die inneren Auseinandersetzungen mit sich selbst zu vermitteln, die die Protagonisten im Angesicht neuer Bedrohungen und Bestimmungen überwinden müssen. Das, was „Transformers: The Last Knight“ versucht ist vielmehr, uns daran zu erinnern, was den Beginn des Abenteuers auf der Kinoleinwand für uns zu einem großen Erlebnis gemacht hat. Aber zugleich besteht der Anspruch, etwas Neues zu bieten. Das Publikum muss eine Entwicklung spüren können. Und da man an den erfolgsverantwortlichen Mustern festhalten will, versucht man nicht, die Geschichte auf einen für den Zuschauer neuen Kurs zu lenken. Man hebt stattdessen das Etablierte auf ein nächstes Level, macht die Geschehnisse des Films größer, bedrohlicher, dystopischer. Man wählt die Strategie, den Zuschauer durch visuelle Übertreibungen und überspannte Dimensionen der Handlung begeistern zu wollen.

Der Exklusivität der fortschrittlichsten technischen Entwicklungen kommen wir im Alltag nur selten nahe. Ich spreche von den Supersportwagen, die in Transformers gewählt werden, um die Faszination des Publikums zu schüren. Sie bieten den übergroßen Robotern eine Anpassungsmöglichkeit in der Menschenwelt. Beide – die Autos und die Roboter – sind das, was vor allem den jungen männlichen Geist (der wohl dem Großteil des Publikums innewohnt) zum Fantasieren antreibt. Die Assoziation der Bilder und des Tons im Film mit der Kraft der Motoren und dem Brachial der Fahrzeuge sorgt für die Zuschauerhingabe. Darauf ist die Inszenierung ausgerichtet, die durch zahlreiche Slow-Motion-Aufnahmen und Kreisfahrten um die Sportwagen herum das Majestätische der Autos hervorheben soll. Die Nahaufnahmen und dramatischen Kreisfahrten beschränken sich jedoch nicht nur auf die Szenen, in den Sportwagen von Actionschauplatz zu Actionschauplatz jagen. Sie sind das Hauptcharakteristikum der Kameraarbeit. Die Roboter und die Autos repräsentieren das, was der Mensch technisch in der Lage ist zu erschaffen – zumindest in der Vorstellung. Das ist der Ursprung von Begeisterung, den auch ein weiteres kennzeichnendes Merkmal der Transformers-Filme aufweist: die Waffen. Sie sind in ihrer Größe technisch beeindruckend und sie sind Instrumente, die dem, der sie kontrolliert, Macht verleihen. Der Trieb nach Sicherheit und damit einhergehend der Drang nach Überlegenheit sorgen für den Bann, in den uns die mächtigen Geschütze, Schwerter und Streitäxte der nahezu unbezwingbaren Transformer ziehen sollen.

Um dem Zuschauer ein vielfältiges Repertoire visueller Abwechslungen zu bieten und dabei dem Konzept des Films treu zu bleiben, werden die Handlungsschauplätze über das Bekannte hinaus erweitert. „Transformers: The Last Knight“ nimmt nicht mehr nur die Erde und über kurze Ausschnitte vielleicht das Weltall in Beschlag. Er erweitert die Orte der Geschehnisse von Militärsperrzonen mit dutzenden bewaffneten Robotern über Schrottplätze, auf denen mechanische Drachen umherwandeln; historische Tempelruinen; anmutige Burgen in der grünen Weite Großbritanniens; eine Verfolgungsjagd in der Tiefsee, bis hin zu einer Schlacht in den Wolken.

Auch auf der Handlungsebene will der Film sich nicht genau festlegen, was er denn für ein Film sein will und versucht stattdessen, Elemente der verschiedensten Genre in sich zu vereinen. Ein Vorhaben, das scheitern muss. Nicht deshalb, weil sich unterschiedlich Filmgenres in einem originellen Mix nicht vertragen würden, sondern vielmehr, weil für die Ernsthaftigkeit in jedem von ihnen innerhalb eines Filmes einfach kein Platz ist. Schon gar nicht, wenn das nötige Fundament für eine ernsthafte Vereinigung der unterschiedlichen Filmgattungen fehlt: die Vielschichtigkeit der Charaktere und eine daraus resultierende erzählenswerte Geschichte. Der fünfte Teil der Transformers-Reihe gibt sich nicht mehr damit zufrieden, sich auf dem bekannten Gebiet des actionreichen Außerirdischen- und Science-Fiction-Blockbuster zu behaupten. Das Skript erzwingt obendrein von den handelnden Figuren einen aufgesetzten Humor auf der Dialogebene oder eine Situationskomik, die durch ihre unpassende Wirkung die Beteiligten albern erscheinen lässt. Der Gipfel des aufgenötigten Humors ist zweifellos die musikalische Untermalung durch Cogman, der die nicht-diegetische Dramatisierung Lord Edmund Burtons Erläuterungen gegenüber Cate Yaeger und Vivien bezüglich der Ritter der Tafelrunde zur diegetischen Musikgestaltung macht. Er singt mit einer lächerlich hohen Frauenstimme eine pathetische Melodie, was angesichts der Übertriebenheit für ein innerliches „ach herrje“ sorgt.

Eine ähnliche Reaktion rufen die zwölfjährigen Jungs hervor, die zu Beginn des Streifens das Militärsperrgebiet erkunden und dort auf Izabella treffen. Ihre Kommentare zur eindrucksvollen und anmutigen Erscheinung des Mädchens wirken nicht nur deshalb abgedroschen, weil man von Jungs in dem Alter kaum tiefgreifende Liebeserfahrungen oder Übung im Flirten erwarten kann. Die erzwungenen halbwegs komischer Schlagabtausche auf der Dialogebene offenbaren noch ein weiteres Problem des Films. Der Großteil der Dialoge im Film sind im Prinzip keine Dialoge. Die Worte, die den Figuren in den Mund gelegt werden fügen sich fast ausschließlich zu einzeiligen Satzfetzen zusammen. Als daraus hervorgehendes Resultat darf man auch keine herausragende Schauspielleistung erwarten. Ein Mangel, für den nicht zwangsläufig die Schauspieler an sich verantwortlich gemacht werden können. Denn wie soll man die Charaktertiefe seiner Figur verkörpern, wenn diese im Drehbuch gar nicht vorhanden ist? Dafür führt uns dieser Kritikpunkt des Skripts vor Augen, weshalb ein Anthony Hopkins oder ein Mark Wahlberg als Ikonen des Schauspiels gehandelt werden. Sie als einzige schaffen es, trotz der unverkennbaren Schwächen der ihn vorgeschriebenen Zeilen, nicht einfältig zu wirken. Was auf der Dialogebene ein wenig sauer aufstößt, setzt sich leider auch innerhalb der Handlung selbst fort. Wie die Charaktere scheinbar mehr vor sich hin, als miteinander reden, scheint es, als würden sich die kurzen Einstellungen zwischen den Schnitten während der ersten dreiviertel Stunde des Films nicht zu einem Einheitlichen Kinoerlebnis zusammenfügen wollen. Sie wirken wie willkürliche Szenen, die ihre Stärke in der Dramatik ihrer Bilder und der gezeigten Action suchen. Der rote Faden in der Geschichte des Drehbuchs wird erst dann erkennbar, als Vivien entführt wird, um von Lord Edmund Burton mit ihrer Familiengeschichte konfrontiert zu werden.

Die Oberflächlichkeit der Charaktere des Films, die auf der Dialogebene deutlich wird, spiegelt sich auch in deren Inkonsequenz wieder. Optimus Prime oder auch die Transformer-Ritter der Allianz mit König Artus‘ Tafelrunde scheinen leichtgläubig ihre Gesinnung zu wechseln und nicht aus einem tiefgründigen Glaubenssatz heraus für das einzustehen, wofür sie auch das Schwert in die Hand nehmen. Optimus gibt seinen Kampf gegen die Menschen, für seine Schöpferin Quintessa und die Wiederherstellung des Heimatplaneten der Transformer Cybertron auf, als er die Stimme seines ältesten Weggefährten Bumblebee hört. Ein akustischer Reiz, den Prime seit Jahrzehnten nicht vernahm, reicht aus, um seine Grundsätze auf den Kopf zu stellen. Auch, wenn er zuvor im Kampf dem Urheber dieses Reizes keinerlei Beachtung beigemessen hat. Ähnlich verhält es sich mit den Robo-Rittern, die nach ihrem Jahrhunderte währenden Winterschlaf in der Tiefsee und in ihrem Wahn, den verstaubten Zauberstab von Merlin zu beschützen, das Schwert gegen jedes der Menschlein erheben, dass mit Vivien Wembley unter einer Decke zu stecken scheint. Das ändert sich jedoch, sobald sich der Talisman Cade Yaegers zu einem Ritterschwert transformiert… Auf einen Schlag schwingen alle ihr historisches Waffenspielzeug Seite an Seite. Die geringfügig motivierte Wendung des eingeleiteten Finales wird dadurch als Schlüsselmoment kenntlich gemacht, dass das Geschehen über die Inszenierung mit allen erdenkbaren Mitteln dramatisiert wird. Die Kamera umkreist in pathetischer Slow-Motion Cade mit dem Schwert in den Händen und im Hintergrund steht über dem Ozean die Sonne, was für effektvolle Blendenflecken sorgt, die sich über die Leinwand ziehen. Wohlbemerkt ein visuelles Stilmittel, für dessen massenhaften Einsatz „Transformers: The Last Knight“ vermutlich den Rekord hält.

Der Versuch Michael Bays, sich mit dem fünften Transformers-Film auf das neue Terrain der Genremischung zu wagen, zieht nicht nur einen inhaltlichen, sondern auch einen visuellen Einfluss nach sich. Er versucht, dem Film den Look eines comichaften Gangsterfilms zu verleihen. Zu diesem Zweck werden mit graffitiartigen Titeln die Namen von Megatrons Crew-Mitgliedern eingeblendet, als diese aus ihrer Haft entlassen werden. Auch vor dem Design der Roboter macht der Genrezugriff nicht halt. Sei es, dass die Transformer schriller aussehen, mit spezifischen Kennzeichen versehen – wie etwa einem bunten Robo-Irokesenschnitt – oder, dass ein Decepticon einen Schlagring mit der Aufschrift „Punish“ trägt. Diese Designelemente machen auf den nächsten Punkt aufmerksam, in dem sich die Maschinenwesen innerhalb der Filmreihe weiterentwickelt haben: Sie sind zunehmend menschlicher geworden. Dieser Prozess lässt sich in mehreren Auffälligkeiten beobachten. Die mimischen Ausdrucksmöglichkeiten der Roboter sind seit der Zeit des ersten ihnen gewidmeten Films detailgetreuer und umfangreicher geworden, sie haben gelernt zu bluten und zu essen – wenn das auch nur der mechanische Schrottplatz-Drache tut und Autos die Speise seiner Wahl sind –, sie müssen nach kämpferischen Auseinandersetzungen in filigraner Bastelarbeit verarztet werden und haben Baby-Transformer im Miniaturformat hervorgebracht.

Neben einer visuellen Gestaltung in comichaftem Stil, dem durchgängigen Versuch, eine Situationskomödie zu erzeugen und der bekannten Science-Fiction-Action, scheint es, als solle sich „Transformers: The Last Knight“ auch als Geschichtsepos behaupten können. Man kann annehmen, dass der Bezug auf vergangene Zeiten und historische Kriegsereignisse in die Handlung eingefügt wurden, um diese mit einem weiteren dramatisierenden Element zu versehen und sie unterhaltender zu machen. Zumindest lassen die in der Vergangenheit spielenden Szenen auf visueller Ebene diese Vermutung zu. Die Eröffnungsszene des Films, welche das Kampfgeschehen einer historischen Schlacht von König Artus‘ Armee im Jahre 484 zeigt, zeichnet sich durch einen derartigen Materialeinsatz an Kriegern, Waffen, Riesenkatapulten und mit Edelmetallen verzierten Rüstungen aus, dass die Ritter von vor knapp 1600 Jahren diese Kriegsmaschinerie selbst für futuristisch gehalten haben müssen. Die Verweise auf historisch bedeutsame Begebenheiten sollen den Film groß und die Transformer wegweisend für den Verlauf der Geschichte wirken lassen. Mit ihrer Hilfe konnte König Artus seine fundamentalste Schlacht für sich entscheiden und durch eine Special Force-Einheit mithilfe der Transformers wurde die entscheidenden Wendung für den Alliiertensieg im Zweiten Weltkrieg herbeigeführt.

„Transformers: The Last Knight“ will nicht nur viel für sich beanspruchen durch den Zugriff auf fremde Genreelemente, den Rückgriff auf seit Jahrzehnten und Jahrhunderten vergangene Ereignisse und die Ausdehnung des Handlungsraumes über Land, Luft, Wasser und Weltall. Der Film verweist auch auf die Filmgrößen, die als Alien- oder Science-Fiction-Kultfilme in die Filmgeschichte eingegangen sind. Die finale Luftschlacht gegen ein stadtgroßes Alien-Raumschiff kennt man aus Independence-Day und auf der Bildebene greift eine Vielzahl der Luftfahrzeuge die markanten technischen Designs der Star Wars Saga auf. Seien es die Drohnen der (nach NEST neuen) Spezialeinheit TRF, die wie eine weiterentwickelte Kleinversion von Darth Vaders Tie Fighter erscheinen; das Flugzeug, mit dem Lord Edmund Burton Cade und Izabella zu seinem Anwesen bringen lässt und welches über ein durch den Millenium Falcon inspiriertes Heckgeschütz verfügt; oder das in der Tiefsee versenkte Transformers-Raumschiff, das wie ein abgestürztes Droiden-Kontrollschiff der Handelsföderation wirkt. Der Verweis auf den Weltallklassiker greift auch auf die Dialogebene über. Sir Burtons Robo-Butler Cogman wird selbst während des Films als „C3PO-Abklatsch“ bezeichnet. Und die an ihn gerichtete Aufforderung von Lord Burton, den „Impuls zu kontrollieren“, Cade zu erdrosseln, wirkt wie ein Aufruf der inneren Versuchung einer dunklen Seite in sich selbst zu widerstehen.

Seit sie vor zehn Jahren das erste Mal die Kinoleinwände als Gestaltenwandler zwischen Autos und Kampfrobotern in Beschlag genommen haben, machten die Transformers eine Entwicklung durch. Das, was an „Transformers: The Last Knight“ auffällt, ist, dass der Film nicht für sich beansprucht, die Zuschauer mit der Geschichte zu faszinieren. Die in einer Apokalypse zu enden drohende Herausforderung der Hauptcharaktere scheint von vornherein so lächerlich groß, dass man sie als unbezwingbar annehmen könnte. Einen Bezug zum Geschehen herzustellen ist deshalb für das Publikum nur schwer möglich, man kommt einfach nicht auf den Gedanken, sich auch nur ansatzweise in eine derartige Situation hineinzuversetzen. Das liegt ebenfalls daran, dass uns keine vielschichtigen Charaktere präsentiert werden. Im Gegenzug sorgen überdimensionierte Animationen von Alien-Raumschiffen, Explosionen und wild um sich schießenden Robotern für die Zuschauerunterhaltung.

Aber die Kombination der überschwänglichen Handlungsdimensionen mit der uns bekannten, realen Welt birgt das Problem in sich, dass wir die Ausmaße der dargestellten Katastrophe für die Menschheit schlicht als zu Fantastisch abstempeln. Klassiker wie Star Wars, auf die der Film an einigen Stellen verweist, wissen diesem Problem dadurch zu entgehen, dass sie die übergroßen Raumfrachter oder mondesgroße Todessterne gar nicht versuchen, mit unserem alltäglichen Leben auf dem Planeten Erde zu verbinden. In einer weit entfernten Galaxie kann die absurd wirkende Größe der durch Lebewesen erschaffenen Raumfahrzeuge als Gegeben vorausgesetzt und akzeptiert werden. Das fällt in Verbindung mit der unseren, realen Welt schon schwerer. Das daraus folgende Problem ist nicht, dass der Film visuell nichts zu bieten hätte, er liefert bloß keine passende Geschichte mit uns berührenden Charakterentwicklungen, die uns das Gezeigte authentisch glaubhaft machen könnten.

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